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Eine Darstellung der BGH-Rechtsprechung in Strafsachen



 
§ 231 StGB
Beteiligung an einer Schlägerei

(1) Wer sich an einer Schlägerei oder an einem von mehreren verübten Angriff beteiligt, wird schon wegen dieser Beteiligung mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn durch die Schlägerei oder den Angriff der Tod eines Menschen oder eine schwere Körperverletzung (§ 226) verursacht worden ist.

(2) Nach Absatz 1 ist nicht strafbar, wer an der Schlägerei oder dem Angriff beteiligt war, ohne daß ihm dies vorzuwerfen ist.
 
Strafgesetzbuch, Stand: 19.4.2017


Überblick zur Darstellung
 § 231 StGB
    Allgemeines
       Schutzzweck des § 231 StGB
 § 231 Abs. 1 StGB
    Schlägerei
    Von mehreren verübter Angriff
    Tod oder schwere Körperverletzung als objektive Bedingungen der Strafbarkeit
       Kausalität der Verletzungshandlung
    Versuchsstrafbarkeit
 Konkurrenzen
    Beteiligung an einer Schlägerei, Tötungsdelikt und Körperverletzung
Strafzumessung site sponsoring
    Strafrahmen
Prozessuales
    Verfahrenshindernisse
       Verfolgungsverjährung
    Gesetze
       Verweisungen





§ 231 StGB




Allgemeines

5




[ Schutzzweck des § 231 StGB ]

5.5
Der Tatbestand des § 231 StGB bezweckt als abstraktes Gefährdungsdelikt (BGH, Urt. v. 5.2.1960 - 4 StR 557/59 - BGHSt 14, 132, 134 f. mwN; BGH, Urt. v. 20.12.1984 - 4 StR 679/84 - BGHSt 33, 100, 103; BGH, Urt. v. 24.8.1993 - 1 StR 380/93 - BGHSt 39, 305, 308; MüKoStGB/Hohmann aaO, § 231 Rn. 7; S/S-Stree/Sternberg-Lieben aaO, § 231 Rn. 1; Lackner/Kühl aaO, § 231 Rn. 1; Fischer aaO, § 231 Rn. 2; BeckOKStGB/Eschelbach aaO, § 231 Rn. 1; Jäger, JA 2013, 634, 636; differenzierend NK-StGB-Paeffgen aaO, § 231 Rn. 2; aA LK/Hirsch aaO, § 231 Rn. 1) nicht nur den Schutz des Lebens und der Gesundheit des durch die Schlägerei oder den Angriff tatsächlich Verletzten oder Getöteten, sondern auch Leben und Gesundheit all der - auch unbeteiligten - Personen, die durch die Schlägerei oder den Angriff gefährdet werden. Da letztgenannter Gesichtspunkt ein Gemeininteresse darstellt, entfaltet die Einwilligung eines oder aller an der Schlägerei Beteiligten im Rahmen des § 231 StGB keine rechtfertigende Wirkung (LK/Hirsch aaO, § 231 Rn. 18; MüKoStGB/Hohmann aaO, § 231 Rn. 18; S/S-Stree/Sternberg-Lieben aaO, § 231 Rn. 10; Zöller/Lorenz, ZJS 2013, 429, 433 mwN; so im Ergebnis auch BeckOKStGB/Eschelbach aaO, § 231 Rn. 16; NK-StGB-Paeffgen aaO, § 231 Rn. 13, die insoweit allerdings auf die fehlende Disponibilität der Rechtsgüter Leben und Schutz der Gesundheit vor schweren Verletzungen abstellen). 



§ 231 Abs. 1 StGB




Schlägerei

10
Eine Schlägerei im Sinne des § 231 Abs. 1 1. Alt. StGB ist eine mit gegenseitigen Tätlichkeiten verbundene Auseinandersetzung, an der mehr als zwei Personen aktiv mitwirken (BGH, Urt. v. 12.3.1997 – 3 StR 627/96 - NStZ 1997, 402, 403; BGH, Urt. v. 21.10.1982 – 4 StR 526/82 - BGHSt 31, 124, 125; BGH, Urt. v. 21.2.1961 – 1 StR 624/60 - BGHSt 15, 369,370; BGH, Urt. v. 19.12.2013 - 4 StR 347/13 - BGHR StGB § 231 Schlägerei 2; BGH, Urt. v. 22.1.2015 - 3 StR 233/14; BGH, Urt. v. 6.5.2015 - 2 StR 63/14).

Als eine für das Tatbestandsmerkmal Schlägerei konstitutive Tätlichkeit können neben zu vollendeten Körperverletzungen führenden Handlungen auch solche in Betracht kommen, die auf deren Herbeiführung abzielen (vgl. BGH, Urt. v. 22.9.1959 – 5 StR 289/59 - GA 1960, 213; BGH, Urt. v. 19.12.2013 - 4 StR 347/13 - BGHR StGB § 231 Schlägerei 2; LK-StGB/Hanack, 11. Aufl., § 231 Rn. 4; Schönke/Schröder/Stree, StGB, 27. Aufl., § 231 Rn. 3 mwN). Eine Tätlichkeit in diesem Sinn verübt auch, wer sich in Ausübung seines Notwehrrechts gegen einen Angriff in „Trutzwehr“ wendet (BGH, Urt. v. 12.3.1997 – 3 StR 627/96 - NStZ 1997, 402, 403; BGH, Urt. v. 21.2.1961 – 1 StR 624/60 - BGHSt 15, 369, 370 f.; BGH, Urt. v. 19.12.2013 - 4 StR 347/13 - BGHR StGB § 231 Schlägerei 2; Küper, Strafrecht BT, 5. Aufl., S. 246).

Die für die Erfüllung des Tatbestandsmerkmals Schlägerei erforderlichen wechselseitigen Tätlichkeiten zwischen mehr als zwei Personen müssen nicht gleichzeitig begangen werden (BGH, Urt. v. 12.3.1997 – 3 StR 627/96 - NStZ 1997, 402, 403; BGH, Urt. v. 19.12.2013 - 4 StR 347/13 - BGHR StGB § 231 Schlägerei 2; RG, Urt. v. 15.10.1940 – 1 D 464/40, HRR 1941 Nr. 369).

Eine Schlägerei im Sinne des § 
231 Abs. 1 1. Alt. StGB kann vielmehr auch anzunehmen sein, wenn nacheinander jeweils nur zwei Personen gleichzeitig wechselseitige Tätlichkeiten verüben, zwischen diesen Vorgängen aber ein so enger innerer Zusammenhang besteht, dass eine Aufspaltung in einzelne „Zweikämpfe“ nicht in Betracht kommt und die Annahme eines einheitlichen Gesamtgeschehens mit mehr als zwei aktiv Beteiligten gerechtfertigt ist (BGH, Urt. v. 19.12.2013 - 4 StR 347/13 - BGHR StGB § 231 Schlägerei 2; BGH, Urt. v. 12.3.1997 – 3 StR 627/96 - NStZ 1997, 402, 403; RG, Urt. v. 15.10.1940 – 1 D 464/40 - HRR 1941 Nr. 369; vgl. RG, Urt. v. 24.2.1925 – I 61/25 - RGSt 59, 107, 108 f. zum von mehreren verübten Angriff; Fischer, StGB, 61. Aufl., § 231 Rn. 2; NK-StGB/Paeffgen, 3. Aufl., § 231 Rn. 5; Pichler, Beteiligung an einer Schlägerei, 2010, S. 47). Allerdings verliert eine tätliche Auseinandersetzung zwischen mehr als zwei Personen den Charakter einer Schlägerei, wenn sich so viele Beteiligte entfernen, dass nur noch zwei Personen verbleiben, die aufeinander einschlagen oder in anderer Weise gegeneinander tätlich sind (BGH, Urt. v. 19.12.2013 - 4 StR 347/13 - BGHR StGB § 231 Schlägerei 2; RG, Urt. v. 27.9.1938 – 4 D 646/38 - JW 1938, 3157; Eisele, ZStW 110 [1998], S. 69, 72; Henke, Jura 1985, 585, 586; Saal, Die Beteiligung an einer Schlägerei, 2005, S. 44). 




Von mehreren verübter Angriff

20
Der Annahme eines von mehreren verübten Angriffs im Sinne der zweiten Alternative des § 231 Abs. 1 StGB steht nicht entgegen, dass möglicherweise bereits die erste (nur von einem Angeklagten) vorgenommene Verletzungshandlung todesursächlich gewesen ist, wenn die Beteiligung der weiteren Täter mit dieser den gesamten Angriff begründenden Verletzungshandlung in einem derart engen zeitlich-räumlichen Zusammenhang steht, dass es sich um ein einheitliches Gesamtgeschehen ohne wesentliche Zäsur handelt (vgl. BGH, Beschl. v. 27.3.2014 - 5 StR 38/14; BGH, Beschl. v. 17.11.1999 – 1 StR 469/99 - BGHR StGB § 231 Schlägerei 1).

Da es allein auf die Kausalität des Angriffs als Gesamtgeschehen ankommt, ist es im Übrigen für die Strafbarkeit ohne Bedeutung, ob jemand zum Zeitpunkt der Verursachung der schweren Folge bereits tatbeteiligt war oder erst danach in das Geschehen eingetreten ist (vgl. BGH, Beschl. v. 27.3.2014 - 5 StR 38/14; BGH, Urt. v. 16.6.1961  – 4 StR 176/61 - BGHSt 16, 130, 132 f.; Hohmann/Sander, StGB BT II, 2. Aufl., § 10 Rn. 14 mwN).
 




Tod oder schwere Körperverletzung als objektive Bedingungen der Strafbarkeit

30
Nach § 231 Abs. 1 StGB erfüllt derjenige rechtswidrig und schuldhaft den Tatbestand eines Strafgesetzes, der sich an einer Schlägerei oder an einem von mehreren verübten Angriff beteiligt. Er wird aber nur dann bestraft, wenn durch die Schlägerei oder den Angriff der Tod eines Menschen oder eine schwere Körperverletzung im Sinne von § 226 StGB verursacht worden ist. Bei diesen Folgen handelt es sich nach ganz herrschender Auffassung aber nur um objektive Bedingungen der Strafbarkeit (BGH, Urt. v. 16.6.1961 - 4 StR 176/61 - BGHSt 16, 130, 132; BGH, Urt. v. 24.8.1993 - 1 StR 380/93 - BGHSt 39, 305; BGH, Urt. v. 22.1.2015 - 3 StR 233/14; MüKoStGB/Hohmann aaO, § 231 Rn. 21 mwN; S/S-Stree/Sternberg-Lieben, StGB, 29. Aufl., § 231 Rn. 1; Lackner/Kühl, StGB, 28. Aufl., § 231 Rn. 5; Fischer, StGB, 62. Aufl., § 231 Rn. 5; BeckOK-Eschelbach aaO, § 231 Rn. 2; Engländer, NStZ 2014, 214; Satzger, Jura 2006, 108, 109; aA LK/Hirsch aaO, § 231 Rn. 1; kritisch auch NK-StGB-Paeffgen, 4. Aufl., § 231 Rn. 20).

In dieser Konstruktion des Straftatbestandes kommt zum Ausdruck, dass das sozialethisch verwerfliche Verhalten bereits in der Beteiligung an einer Schlägerei oder einem Angriff mehrerer besteht, weil dadurch erfahrungsgemäß so häufig die Gefahr schwerer Folgen geschaffen wird, dass die Beteiligung als solche schon strafwürdiges Unrecht darstellt (BT-Drucks. IV/650, S. 291; BGH, Urt. v. 24.8.1993 - 1 StR 380/93 - BGHSt 39, 305, 308; BGH, Urt. v. 22.1.2015 - 3 StR 233/14; vgl. auch Sternberg-Lieben, JZ 2013, 953, 956).

Die objektive Strafbarkeitsbedingung wirkt dabei nicht strafbarkeitsbegründend oder -verschärfend, sondern schränkt lediglich den Bereich des zu Bestrafenden aus kriminalpolitischen Gründen ein (BT-Drucks. IV/650, S. 268, 291; S/S-Stree/Sternberg-Lieben aaO § 231 Rn. 1; aA offenbar MüKoStGB/Hohmann aaO, § 231 Rn. 3: strafbarkeitsbegründend; ebenso LK/Hirsch aaO, § 231 Rn. 1, der freilich bereits das Vorliegen einer objektiven Strafbarkeitsbedingung in Abrede stellt). Dass bereits die Beteiligung an der Schlägerei oder dem Angriff mehrerer bestraft wird, hat seinen Grund im Übrigen in Beweisschwierigkeiten, die bei körperlichen Auseinandersetzungen mehrerer erfahrungsgemäß auftreten, wenn es darum geht, eine bestimmte schwere Folge einem oder mehreren der Beteiligten einwandfrei zuzuordnen; es sollen Strafbarkeitslücken vermieden werden, die dadurch auftreten können, dass eine Verurteilung wegen eines Körperverletzungs- oder Tötungsdelikts wegen der genannten Beweisschwierigkeiten ausscheiden muss (BGH, Urt. v. 21.2.1961 - 1 StR 624/60 - BGHSt 15, 369, 370; BGH, Urt. v. 16.6.1961 - 4 StR 176/61 - BGHSt 16, 130, 132; BGH, Urt. v. 22.1.2015 - 3 StR 233/14; BT-Drucks. IV/650, S. 290; MüKoStGB/Hohmann aaO, § 231 Rn. 2 mwN). Kann der erforderliche Nachweis indes geführt werden, ist eine tateinheitliche Verurteilung wegen eines Tötungs- oder Körperverletzungdelikts und der Beteiligung an einer Schlägerei möglich (BGH, Urt. v. 22.1.2015 - 3 StR 233/14; vgl. BGH, Urt. v. 20.12.1984 - 4 StR 679/84 - BGHSt 33, 100, 104; BGH, Urt. v. 11.10.2005 - 1 StR 195/05 - NStZ 2006, 284, 285; LK/Hirsch aaO, § 231 Rn. 22; S/S-Stree/Sternberg-Lieben aaO, § 231 Rn. 13 mwN; aA NK-StGB-Paeffgen aaO, § 231 Rn. 22, dagegen überzeugend LK/Hirsch aaO).
 




[ Kausalität der Verletzungshandlung ]

20.5
Da es allein auf die Kausalität des Angriffs als Gesamtgeschehen ankommt, ist es im Übrigen für die Strafbarkeit ohne Bedeutung, ob jemand zum Zeitpunkt der Verursachung der schweren Folge bereits tatbeteiligt war oder erst danach in das Geschehen eingetreten ist (vgl. BGH, Beschl. v. 27.3.2014 - 5 StR 38/14; BGH, Urt. v. 16.6.1961  – 4 StR 176/61 - BGHSt 16, 130, 132 f.; Hohmann/Sander, StGB BT II, 2. Aufl., § 10 Rn. 14 mwN; siehe auch oben Rdn. 20). 




Versuchsstrafbarkeit

50
Versuchsstrafbarkeit § 231 Abs. 1 StGB: Die Vorschrift bestimmt nicht ausdrücklich die Strafbarkeit des Versuchs (vgl. § 23 Abs. 1 Halbsatz 2 StGB) und ist auch nicht als Verbrechenstatbestand (§ 12 Abs. 1 StGB) ausgestaltet (vgl. § 23 Abs. 1 Halbsatz 1 StGB), so dass eine Versuchsstrafbarkeit ausscheidet.

  siehe auch: Begriffsbestimmung, § 22 StGB; Strafbarkeit des Versuchs, § 23 StGB; Rücktritt, § 24 StGB
 



Konkurrenzen




Beteiligung an einer Schlägerei, Tötungsdelikt und Körperverletzung 

K.1
Eine vom Angeklagten begangene Körperverletzung sowie ein verwirklichtes Tötungsdelikt können in Tateinheit mit einer ebenfalls verwirklichten Beteiligung an einer Schlägerei stehen (vgl. BGHSt 33, 100, 103 f.; BGH, Beschl. v. 6.2.2002 - 2 StR 522/01; BGH, Urt. v. 11.10.2005 - 1 StR 195/05; BGH, Urt. v. 2.10.2008 - 3 StR 236/08 - NStZ-RR 2009, 24; BGH, Urt. v. 10.6.2009 - 2 StR 103/09 - NStZ-RR 2009, 309; BGH, Urt. v. 27.1.2011 - 4 StR 502/10 - StV 2011, 412; Stree in Schönke/Schröder, StGB 25. Aufl. § 231 Rdn. 17; Fischer, StGB 56. Aufl. § 231 Rdn. 7 und 11; Lackner/Kühl, StGB 26. Aufl. § 231 Rdn. 6; Hirsch in LK 11. Aufl. § 231 Rdn. 22).  



Strafzumessung




Strafrahmen

S.1
Strafrahmen § 231 Abs. 1 StGB: 1 Monat bis 3 Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe von 5 bis 360 Tagessätzen

ggfls. i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB
1 Monat bis 2 Jahre 3 Monate Freiheitsstrafe oder Geldstrafe von 5 bis zu 270 Tagessätzen
 
ggfls. i.V.m. § 
49 Abs. 1 StGB (doppelte Milderung)
1 Monat bis 1 Jahr 8 Monate 1 Woche Freiheitsstrafe oder Geldstrafe von 5 bis zu 202 Tagessätzen
 
ggfls. i.V.m. § 
49 Abs. 1 StGB (dreifache Milderung)
1 Monat bis 1 Jahr 3 Monate 5 Tage Freiheitsstrafe oder Geldstrafe von 5 bis zu 151 Tagessätzen

ggfls. i.V.m. § 
49 Abs. 2 StGB
1 Monat bis 3 Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe von 5 bis zu 360 Tagessätzen
 



Prozessuales




Verfahrenshindernisse

Z.1




[ Verfolgungsverjährung ]

Z.1.1
Die Verjährungsfrist für § 231 Abs. 1 StGB beträgt fünf Jahre (§ 78 Abs. 3 Nr. 4 StGB).




Gesetze

Z.8




[ Verweisungen ]

Z.8.1
In § 231 StGB wird verwiesen auf:

§ 226 StGB 
  siehe auch: Schwere Körperverletzung, § 226 StGB
 





Strafgesetzbuch - Besonderer Teil - 17. Abschnitt (Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit)


 




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